"Was, Sie haben Hitler an die Macht gebracht?!"
"Sie irren sich, wir haben ihn engagiert."

(Franz von Papen am 30. Jänner 1933 zu einem Journalisten)

1932, am Vorabend der Machtübernahme Hitlers, hatte die Deutsche, die "Weimarer Republik" ihre wichtigstes revisionistisches Ziel hinsichtlich des Versailler Friedensvertrages erreicht: Das Ende der Reparationszahlungen an die Alliierten des Ersten Weltkrieges. Zwei Anläufe hatte die deutsche Regierung dafür benötigt. Der erste Versuch, durch eine Masseninflation 1919-1923 die Zahlungen zu desavouieren und letztlich loszuwerden, scheiterte. Erst Kanzler Brünings Deflationspolitik während der Weltwirtschaftskrise machte Deutschland so arm, dass es zu weiteren Reparationszahlungen nicht mehr imstande war und die Zahlungen 1932 im Einvernehmen mit den bisherigen Empfängern einstellen konnte.

Aber wie hoch war der Preis des Erfolgs? Stephan Zweig vermerkte dazu, dass nichts das deutsche Bürgertum für Hitler so reif gemacht hätte wie die Inflation von 1919 bis 1923 und für Sebastian Haffner trieb Brünings Deflationspolitik die verarmten Deutschen "in Massen" zu Hitler, der 1930 tatsächlich seinen ersten großen Wahlerfolg feiern sollte. Brüning, der mit der Vision einer neuen autoritären Verfassung und der Wiedereinführung der Monarchie 1930 von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, stand erstmals einem "Präsidialregime" vor. Es regierte mittels Notverordnungen und arbeitete insgeheim an der Desatbilisierung der politische Lage, um den Boden für die neue autoritäre Verfassung zu bereiten, wie Brüning in seinen Memoiren schreibt. Ein Element der Destabilisierung sollten häufige Neuwahlen sein. So auch die Reichstagswahl vom September 1930. Aber da geschah etwas Unerwartetes: die bisher bedeutungslose NSDAP konnte ihre Mandatszahl von 12 auf unglaubliche 107 steigern. Die Gründe für den plötzlichen Wahlerfolg der bisher eher obskuren Partei sind vielfältig: Die Wirtschaftskrise, die Arbeiter und Unternehmer gleichermaßen traf und von Brüning offensichtlich noch verschärft wurde; der wieder salonfähig werdende Nationalismus, dem sogar die Kommunistische Partei im Ton in diesen Jahren etwas abgewinnen konnte. Und ein weitere Ursache lag wohl in der Person Adolf Hitlers selbst. Der Zeitzeuge Sebastian Haffner beschreibt Hitler sehr eindringlich: "Hitler wirkte auf die Deutschen seiner Zeit nicht abstoßend, sondern anziehend, ja mitreissend. Er war einfach eine Figur viel größeren politischen Formats als alle anderen, die (...) in der Spätphase der Weimarer Republik auf der politischen Bühne standen. Hitler ist immer unterschätzt worden. Es war der größte Fehler seiner Gegner, ihn klein und lächerlich machen zu wollen. Er war nicht klein und lächerlich. Hitler war ein sehr böser Mann. Die großen Männer sind oft böse. Und Hitler war auch, daran läßt sich nicht deuteln, mit all seinen furchtbaren Eigenschaften ein sehr großer Mann, wie sich in der Kühnheit seiner Vision und der Schläue seines Instinkts in den folgenden 10 Jahren immer wieder zeigen sollte. Hitler hatte als Person eine magische Wirkung, die kein anderer der damaligen Politiker ausübte (...) Antisemitismus? Mindestens waren viele bereit, den in Kauf zu nehmen."

Der Schock über den nationalsozialistischen Wahlerfolg saß bei den Sozialdemokraten so tief, dass sie die das rechtsbürgerliche Präsidialregime Brünings als "kleineres Übel" tolerierten. Aber Hindenburg, dem die Wiedereinführung der Monarchie immer dringlicher erschien, ersetzte Brüning 1932 durch den skrupellosen Franz von Papen zum Reichskanzler, der die NSDAP nicht ausgrenzen, sondern "einrahmen" wollte. Papen machte sich sofort energisch ans Werk und löste den Reichstag auf. Aus den darauffolgenden Neuwahlen ging die NSDAP wieder massiv gestärkt hervor (230 Sitze, 37,8%). Zweitstärkste Fraktion wurde die Kommunistische Partei. Weil das Land daraufhin angeblich "unregierbar" war, provozierte Papen noch im Herbst 1932 neuerlich Reichsratswahlen, die zu leichten Verlusten der NSDAP führten, die sich aber auf hohem Niveau stabilisierte.

Die NSDAP vertrat praktisch alle sozialen Schichten der Gesellschaft und schillerte demgemäß politisch – je nach Bedarf – in allen Farben. Unter ihren Mitgliedern befanden sich 1930 zahlreiche Arbeiter (fast 30% der Mitglieder), Angestellte (25%), Selbstständige (20%), Bauern (14%) und Beamte (8%); wobei bis auf die Arbeiterschaft alle Berufsgruppen in der NSDAP im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung überrepräsentiert waren. Trat die NSDAP 1930 vornehmlich nationalistisch auf, kehrte sie in den Wahlkämpfen des Jahres 1932 ihre "links-populistische" Seite hervor, um das Arbeiterpotential weiter auszuschöpfen. Da Papen die "Naziflut" – entgegen seinen Behauptungen – nicht "kanalisieren" konnte , betraute Hindenburg im Herbst 1932 als letzte Alternative zu einer nationalsozialistischen Regierungsbeteiligung General Kurt von Schleicher – dem eine faschistische Verfassung vorschwebte – mit der Kanzlerschaft. Die Wiedereinführung der Monarchie sollte warten, da sich langsam auch bei Hindenburg die Erkenntnis durchsetzte, dass kein geeigneter Thronfolger zur Verfügung stand.

Schleicher blieb erfolglos. Die von ihm umworbenen Gewerkschaften verweigerten die Zusammenarbeit und der Versuch, den linken Flügel der NSDAP unter Gregor Strasser durch die Einbindung in die Regierung, von der Mutterpartei abzuspalten, scheiterte. Als letzten Ausweg ersuchte Schleicher Hindenburg um die Genehmigung einer "befristeten Diktatur". Hindenburg lehnte den undemokratischen und wohl auch illegalen Schritt am 28. Jänner 1933 ab... und ernannte am 30. Jänner – beraten von Papen – Adolf Hitler völlig legal zum Reichskanzler. Franz von Papen, der sich rühmte, Hitler "einrahmen" zu können, wenn er nicht darauf bestünde gleich alle Regierungsposten zu besetzen, wurde Vizekanzler der rechtsbürgerlichen Koalitionsregierung.

Auch die nächsten Schritte – die Aufhebung großer Teile der verfassung nach dem Reichstagsbrand mittels präsidialer Notverordnung "zum Schutz von Volk und Staat" und einen Monat später die Verabschiedung des "Ermächtigungsgesetzes" – verliefen auf gesetzlicher Basis; allerdings unter dem Eindruck "legalen staatlichen Terrors". Im März 1932 fanden zwar noch einmal Reichstagswahlen statt, aber die gewählten Mandatare der KPD konnten ihre Sitze im Parlament nicht mehr einnehmen, da sie pauschal für den Reichstagsbrand verantwortlich gemacht wurden und sich entweder auf der Flucht oder "zum Schutz von Volk und Staat" im KZ befanden. Nur aufgrund dieser – legal herbei geführten! – Abwesenheit der KPD fand das "Ermächtigungsgesetz" im Reichstag mit den Stimmen der NSDAP und der bürgerlichen Parteien am 24. März 1933 die notwendige 2/3 Mehrheit.

Das offiziell "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" genannte "Ermächtigungsgesetz" ermöglichte es nun der Regierung, Gesetze abweichend von der Verfassung ohne Einbindung des Parlaments zu beschließen und beseitigte auf legale Weise die letzten Überreste des einstigen Rechtsstaates.

Stephan Neuhäuser im Februar 2000