8. Mai in Krähwinkel
Eine dramatisierte Nachlese der Ereignisse vor, nach und am 8. Mai 2002 zu Wien am Tag des Erinnerns an Befreiung (die einen) und totale Niederlage (die anderen); am Tag linkslinker-alt-68er-Internetgenerations-Demonstrationen (nach W. Schüssel) und burschenherrlicher 50-Meter-Fackelmärschchen...
von Advocata Diaboli
Die Polizei will für den 8.Mai eine Sperre des Heldenplatzes verhängen. Was ist passiert? Treibt sich ein gefährdetes Staatsoberhaupt beim Bundespräsidenten herum? Hat etwa Bruder Oberst seine Liebe zu Wien neu entdeckt? Nein, in der Hofburg tagen Ärzte und anschließend findet ein Ball statt. Wenn ein Kongress tanzt, rechtfertigt das natürlich eine Einschränkung der Grundrechte. Metternich lässt grüßen.
In jenen Diktaturen, die nicht als solche betrachtet werden wollten, verhinderte man in samtpfötigen Zeiten nicht erwünschte Versammlungen unter freiem Himmel gerne durch Kanalarbeiten und die Behebung von Wasserrohrbrüchen. Gebäuden insbesondere Kirchen wurde bei Bedarf Einsturzgefahr attestiert. In Wien ist es der Fremdenverkehr, der dafür herhalten muss, Ungemach von der Regierung abzuwenden. Die zeitgemäße Adaptierung der biedermeierlichen Posse "Freiheit in Krähwinkel" machte zumindest der Theaterstadt Wien alle Ehre und soll dem interessierten Publikum nicht vorenthalten werden:
1. Akt, 1. Szene
Es versammelt sich eine Horde grinsender Glatzköpfe auf dem Heldenplatz, um sich beim lieben Opapa zu bedanken. Dazu halten sie Fotos, auf denen ein stahlbehelmter Wehrmachts-Kopf mit der Unterschirft "Held" zu sehen ist, in die Kameras dankbarer Journalisten.
Dass diese 150-Mann-Lächerlichkeit als Demonstration gegen die im Semper-Depot stattfindende Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" angekündigt wird, lässt den Schluss zu, dass den Opis nicht für Extra-Taschengeld gedankt werden soll. Es lässt weiters den Schluss zu, dass nach Ansicht der Versammelten jeder Angehörige der Wehrmacht, was immer er tat oder unterließ, jedenfalls ein Held war. Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.
Weniger lächerlich sondern strafbar wäre, dass einige Teilnehmer Nazi-Symbole verwendet haben sollen. Jedenfalls wird dieses Gespenster-Treffen nicht wegen eines Verstoßes gegen das Verbotsgesetz aufgelöst, sondern von der Polizei weiter geduldet. Fairerweise muss man der Polizei konzedieren, dass sie bald andere Sorgen bekommt.
1. Akt, 2. Szene
Eine Demonstration-gegen-die-gegen-die-Verbrechen-der-Wehrmacht-Ausstellung-Demonstration (so kompliziert ist die Wiener Dramaturgie) hat sich nämlich vom Westbahnhof zum Heldenplatz begeben. Dort versuchen nun einige Teilnehmer, deren Verständnis von Antifaschismus offenbar nicht über "Drescht-die-Nazis-nieder-und-wenn-die-Polizei-sich-dazwischen-stellt-die-auch-gleich" hinausgeht, gewaltsam durch die Tore und auf den Platz zu gelangen. Was dort geschehen würde, ist nicht schwer zu erraten. Die Polizei verhindert daher nach Möglichkeit den Zusammenstoß zweier wilder Stämme und verteidigt die Tore.
Da sie die spätestens durch angeblich sichtbar getragene Nazi-Abzeichen rechtswidrig gewordene Kundgebung nicht rechtzeitig aufgelöst hat, muss sie nun Kundgebung und Teilnehmer schützen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Es kommt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen sogenannten "Antifaschisten" und Polizeibeamten. Pflastersteine, Wasserwerfer, Tränengas leisten ihren Beitrag zu einer ausufernden Schlachtenszene, deren Einzelheiten Thema diverser gerichtlicher Nachspiele werden sollen.
1. Akt, 3. Szene
Die dankbaren Helden-Enkel fühlen sich völlig sicher. Sie äußern den Wunsch allein und ohne Polizeibegleitung abgehen zu dürfen. Die Polizei zieht folgsam ab und die Nazis mit "Sieg Heil"-Gebrüll durch die Innenstadt, angeblich begleitet von Stapo-Beamten, die "Unauffälligkeit in allen Dienstobliegenheiten" offenbar als Basis ihrer Tätigkeit sehen. Jeder illegale Straßenmusikant zöge mehr Einsatzfreude der Gesetzeshüter auf sich, als diese Horde grölender Neonazis. Erst die Besatzung des Stkw (=Streifenkraftwagens) "Anton Irgendwieviel" sieht sich aufgerufen, einem im Verfassungsrang stehenden Verbot der Wiederbetätigung Geltung zu verschaffen. Die nummerierten Antons vor den Vorhang!
2.Akt, 1.Szene
Der Nationalrat tagt. Ein Neonazi-Umzug durch Wien ist zwar für die Polizei die sich am nächsten Tag immerhin öffentlich schämt ein Thema, die Regierung wittert anderen Sprengstoff:
Zwei Abgeordnete haben an der Demonstration der Nazi-Gegner teilgenommen. Dergleichen darf nicht ungesühnt bleiben! Zunächst wird ihnen das Demonstrationsrecht bestritten. Abgeordnete können in Österreich zwar geschützt durch die Immunität jeden Normalsterblichen diffamieren, beschimpfen und beleidigen, Grundrechte wahrnehmen sollen sie nicht dürfen. Sie haben sich auf Äußerungen im Parlament zu beschränken, zumindest, wenn es sich um Abgeordnete jener Parteien handelt, die nicht der Regierung angehören.
Da diese eigenwillige Interpretation der Verfassung der Opposition nicht so richtig einleuchten will, wird ein Schäufelchen nachgelegt. Plötzlich sind Fotos da, die "beweisen", dass wenigstens der Abgeordnete Öllinger ein linkslinker Chaot und gewalttätiger Anarchist ist. Jarolim war scheint es nicht fotogen genug. Hätte er wenigstens ein Feuerzeug in der Hand gehabt, es wäre eventuell der "Beweis" gewesen, dass er die Hofburg abfackeln wollte.
Auf den Öllinger-Fotos ist zu sehen, dass die Ringstraßenbäume auf Seiten der Opposition stehen. Sie sind schon wunderbar grün. Der Himmel ist regierungsfeindlicherweise nicht blau. Öllingers dokumentierte Aggressivität entspricht etwa der des Osterhasen im Mittagsschlaf. Wie es dem kühnen Aggressor gelungen sein mag, durch die Robo-Cop-Ausrüstung, die Ritter Iwein samt Löwen vor Neid erblassen ließe, ein polizeiliches Schienbein zum Zwecke des dagegen-Tretens zu finden, werden die Gerichte klären müssen.
Denn nur darum geht es: ein Abgeordneter der Opposition wird des "Widerstandes gegen die Staatsgewalt" beschuldigt. Die Freude über die erfolgreiche Kriminalisierung eines Oppositionspolitikers ist Herrn Westenthaler deutlich anzumerken. Ein Grüner Staatsfeind konnte angepatzt werden. Jetzt seid ihr auch Schmuddelkinder, ätsch!
2. Akt, 2. Szene
Die Nerven liegen blank genug, dass nun Edlinger ein Ausrutscher passiert: eine Rede der FPÖ-Abgeordneten Partik-Pablé quittiert er mit einem sarkastischen "Sieg Heil!" Mit oder ohne: "Jetzt fehlt nur noch" jedem muss klar sein, was dieser Ruf in dieser Situation und von diesem Mann bedeutet.
Die Regierungsparteien führen sofort ein Meisterwerk naiver Kunst auf: Der Wiederbetätiger ist plötzlich Edlinger. Als er ans Rednerpult geht, wo er sich für seinen Zwischenruf entschuldigen wird, entdecken sie kollektiv ihre antifaschistische Sensibilität und verlassen tief gekränkt den Saal.
Fotografiert wurden sie während der selbstverordneten Erholungspause soweit bekannt nicht. Vielleicht hätte sonst die Galerie "Der freudenreiche Westenthaler" unverhoffte Konkurrenz bekommen. So ist nicht bekannt, ob die Regierungsparteien die Auszeit nützten, ein Dankgebet für Edlingers zu engen Kragen zu sprechen oder ob sie bereits daran gingen, den Text der späteren Akte dieser Posse zu lernen. Bekannt ist nur, dass sie die Bühne nicht endgültig verlassen haben. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Öllinger und Jarolim vor den Vorhang!
3.Akt, 1. Szene
Diverse Organisationen melden für den 8. Mai Versammlungen an. Öffentlich bekanntgegebener Zweck: der Trauer über die "totale Niederlage" soll Ausdruck verliehen werden. Da am 8. Mai nur eine totale Niederlage zu vermelden ist, die Niederlage des Nationalsozialismus, ist es wohl legitim anzunehmen, dass dessen Niederlage betrauert werden soll. Ebenso legitim ist es anzunehmen, dass Trauer über die Niederlage des Nationalsozialismus den Wunsch nach seinem Sieg desselben in sich birgt. Die Überlegung, dass es sich bei einer derartigen Trauergemeinde um Nazis handeln könnte, wird angestellt.
3. Akt, 2. Szene
Die Demokraten in diesem Land derzeit als Linkslinke bezeichnet verlangen ein Verbot dieser Veranstaltung und kündigen im Bedarfsfall Gegen-Demonstrationen an.
Der Innenminister tut sicherheitshalber nichts, sondern verweist auf die Wiener Polizei. Diese hat zwar den Nachteil, auch nicht ins Salzamt zu ressortieren, aber sie untersteht wenigstens einem "Roten", sodass im Zweifel die "Linken" schuld sind. Wer immer eine Kamera erwischt oder es schafft, in einem Printmedium zu Wort zu kommen, fürchtet sich lautstark vor der gewalttätigen Linken. Die Pflastersteine des 13. April werden dreimal täglich verbal ins Volk geworfen.
Die Regierung erwägt mit unschuldigem Augenaufschlag, den Heldenplatz ob seiner geschichtlichen Bedeutung zum demonstrationsfreien Gelände zu machen. Grundrechte sind in Hinkunft geschichtsfrei wahrzunehmen. Der Heldenplatz erlangte seine geschichtsträchtige Bedeutung durch eine Demonstration der Altnazis. Da wäre es wohl nur recht und billig, wenn er seine politische Karriere mit einer Neonazi-Demonstration beenden könnte? Ob die Regierung ihren Sinn für Ironie entdeckt hat oder die demonstrative antifaschistische Sensibilität in der Parlaments-Garderobe vergessen wurde, wird ewig unbekannt bleiben. Möglicherweise handelt es sich aber nur um eine der in Österreich derzeit beliebten "Entpolitisierungen". Entpolitisierung ist, wenn "rote G´frieser" unsichtbar bleiben müssen.
3. Akt, 3.Szene
1.Mai-Feier. 100.000 Linke versammeln sich vor dem Wiener Rathaus und lauschen den aufrührerischen Reden bekannter Revolutionäre.
Linksextreme wie Peter Pilz machen nach eigenem Bekunden das "Schweizer Haus" im Prater durch Stelzen-Essen unsicher. Sogar Kommunisten werden vor dem Parlament gesichtet. Es soll trotzdem noch stehen.
Die Polizei beschränkt sich darauf, einige Streifenwagen zur Sperre der Zufahrtsstraßen abzustellen. Hin und wieder schlendert ein Beamter blinzelnd durch den Sonnenschein. Robo-Cops sind nirgendwo zu sehen. Dass Österreich vor dem linkslinken Umsturz steht, scheint sich zu ihnen noch nicht durchgesprochen zu haben.
Ob die Stapo-Leute wenigstens den radikalen Schweinsstelzen-Esser Pilz bei seinen Exzessen der Fleischeslust fotografierten, ist unbekannt.
Es ist wieder einmal der Wiener Bürgermeister, der zur Kampfansage findet: wenn Rechtsextreme am 8. Mai auf dem Heldenplatz eine Trauerfeier zum Gedenken an die Niederlage veranstalten, dann werden wir in der Innenstadt die Befreiung feiern. Hiermit würde sich das demokratische Österreich in der Gesellschaft Europas befinden. Hiermit wäre der ganzen Peinlichkeit die Spitze genommen. Man sollte meinen, dass die Regierung aufatmet, Häupl stillschweigend hochleben lässt und die Wogen zu glätten hilft, indem sie wenigstens den Herren Westenthaler und Khol sowie den Damen Riess-Passer und Rauch-Kallat einige Einkehrtage, sei es im "Schweizer Haus", sei es in einem Schweige-Ordenshaus verordnet. Häupl vor den Vorhang!
4. Akt, 1.Szene
Wer dies vermutet, kennt die Regierung schlecht! Das Duo Infernal erobert zweistimmig die Bühne und gießt Öl ins noch glimmende Feuer. Ein Vermummungsverbot für Demonstranten wird angekündigt. Der Aufschrei der Opposition geht im demonstrativen Staunen der Regierung unter. Wozu die Aufregung? Nur Verbrecher wollen unerkannt bleiben! Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten. Wer nichts zu verbergen hat, kann sein Gesicht zeigen.
Rechtsextreme und Neonazis verhüllen sich in Österreich so gut wie nie. Linke haben seit einiger Zeit Bedenken, ihre Identität öffentlich preiszugeben. Das lässt viele Schlüsse zu.
In Österreich waren Demonstranten bisher nicht identifizierbar. Das sollen sie jetzt werden. In Österreich sind Polizisten nicht mehr identifizierbar. Das waren sie aber einmal. Natürlich wird kein ernsthafter Mensch einem Polizisten vorwerfen, dass er Gesicht und Körper durch Schild und Vollvisierhelm gegen Verletzungen schützt. Unklar ist aber, warum er auch sonst seine Identität nach Möglichkeit verbirgt. Zwar ist jeder Polizist verpflichtet, die Dienstnummern auf Anfrage zu nennen, bemerkenswert häufig lautet diese aber "4711" oder "08/15". Wie also soll der Normalsterbliche erfahren, mit wem er es zu tun hat? Er ist nicht in der Lage, den Polizisten zur Ausweisleistung zu zwingen oder zwecks Identitätsfeststellung anzuhalten.
Die k.u.k. Monarchie hatte damit kein Problem. Die Dienstnummer wurde offen über der Uniform getragen. Auch sonst war die Monarchie noch nicht auf der Höhe schwarzblauer Genialität: So verbot sie zwar eine 1. Mai-Kundgebung, die Ringstraße für diesen Tag zu sperren, fiel ihr indes nicht ein. Es ist überliefert, dass daraufhin Zehntausende dort "spazieren gingen". Dass sie dabei, um der Verhaftung zu entgehen, Bekleidungsvorschriften einzuhalten gehabt hätten, ist nicht überliefert.
Die republikanische Regierung beharrt auf ihrer Idee der prophylaktischen Feindaufklärung. Herr Westenthaler wünscht sich für Verstöße gegen das Vermummungsverbot ein Jahr unbedingte Freiheitsstrafe. Dass der Verfassungsgerichtshof bereits ausreichend "zurechtgestutzt" ist, um diese Kontroll-Phantasien zu dulden, ist unwahrscheinlich. Straßburg ist es mit Sicherheit nicht. Es scheint mehr und mehr ratsam, gewisse Wortmeldungen nicht als kommentierbare politische Aussagen, sondern als akustische Belästigungen zu begreifen.
4. Akt, 2.Szene
Es spricht sich herum, dass FPÖ-Mandatare an der Trauerfeier teilnehmen werden. Diese soll unter anderem in der Krypta am Heldenplatz stattfinden. Das zuständige Militärkommando Wien entdeckt, dass es auf einer Tretmine sitzt und erklärt, die Genehmigung zur Feier zu widerrufen. Es sei nur von einem Totengedenken die Rede gewesen, nicht von einer politischen Veranstaltung. Dass sogar Tote politisch sein können! Dürfen die das überhaupt? Schon gar das unpolitische Militär?
In den Kreisen der künftigen Trauergesellschaft wird das Textbuch der Vorjahre endlich aufgefunden. Die "totale Niederlage" hat Pause. Plötzlich ist wieder von Totengedenken und Trauer um die "Opfer" die Rede. Die Opfer diverser "Feindeinwirkungen", nota bene. Wer das Wirken der Feinde veranlasst hat, muss ausgeklammert bleiben. Von Feindeingriffen unabhängige unabhängiges Wirken ohnehin. Rechtes Verständnis der Geschichte ist einfach gestrickt, mit vielen Luftmaschen dazwischen.
4. Akt, 3.Szene
Das Militärkommando Wien ist indes nicht oberste Instanz. Das Verteidigungsministerium wird eingeschaltet. Der Verteidigungsminister tut, was ihm der Innenminister bereits vorexerziert hat: sicherheitshalber nichts. Er hat auch gar nichts zu tun, da die Trauergemeinde sofort erklärt, die Feier in der Krypta werde auf jeden Fall stattfinden. Rätselraten darüber, ob der Minister es wagt, eine Weisung seiner Partei-Basis zu ignorieren, erhöht die Spannung. Die Feier könnte derzeit zuständigkeitshalber nur vom einfachen Parteimitglied verboten werden. Dessen Zuständigkeit erstreckt sich zwar nicht auf die Krypta, dafür aber auf den Minister.
Der Justizminister erklärt, er werde keine Demonstrationen verbieten. Niemand erklärt dem Justizminister, dass er Demonstrationen weder zu verbieten noch zu gestatten, sondern ausschließlich zur Kenntnis zu nehmen hat. Der Justizminister erklärt, er werde Delikte, die allenfalls stattfänden, verfolgen. Niemand erklärt dem Justizminister, dass die geplante Erfüllung seiner gesetzlichen Verpflichtung nicht angekündigt zu werden braucht.
Gusenbauer fordert vom Bundeskanzler nicht nur eine Stellungnahme, was an sich schon an der Grenze zur Aufsässigkeit liegt, er geht soweit, vom Bundeskanzler sinngemäß zu fordern, dass dieser in Erwägung ziehen möge, zu regieren. Diese beiden Zumutungen werden in bösartigster Absicht eingebettet in Anspielungen auf die anti-nationalsozialistische Tradition der Volkspartei, die Erinnerung an christlichsoziale Widerstandskämpfer und die Mahnung an den Grundkonsens der zweiten Republik. Wieso er damit "das Erbe der Gründerväter in den Schmutz zieht" und in ein "Freund-Feind-Denken" verfällt, das die solches absondernde Sprecherin der Volkspartei "überwunden glaubte", bleibt ihr exklusives Geheimnis. Ein Freund-Feind-Denken des Vorsitzenden der österreichischen Sozialdemokratie, das die Volkspartei als Freund im Kampf gegen einen gemeinsamen Nazi-Feind ansieht, sollt der Volkspartei eigentlich zumutbar erscheinen. Derart umstürzlerische Gedanken hegten im Jahr 1938 in umgekehrter Richtung die offenbar linksextremen Herren Richard Schmitz und Otto Habsburg - wenngleich ihnen beim christlichsozialen Bundeskanzler Schuschnigg damit ebenfalls kein Erfolg beschieden war. Gusenbauer vor den Vorhang!
5. Akt, 1.Szene:
Der Republikanische Club kündigt an, eine Kundgebung am Stephansplatz durchzuführen. Die Grünen kündigen an, den 8.Mai durch den Besuch der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", eine Kranzniederlegung am Morzinplatz und einen Besuch der Kundgebung des Republikanischen Klubs zu begehen. Die SPÖ, die Israelitische Kultusgemeinde und SOS-Mitmensch planen ein "Fest der Demokratie" am Platz Am Hof. Verschiedene Organisationen beharren darauf zum Heldenplatz zu marschieren.
Die Wiener gehen laut Meinungsumfragen mit großer Mehrheit davon aus, dass es zu Zusammenstößen kommen wird, sind aber trotzdem gegen Demonstrations- und Vermummungsverbote. Die Panikmache der Regierung scheint an urbane Grenzen zu stoßen. Und der Bürgermeister hat sich am 1. Mai über den wiederentdeckten Wien-Hass der Volkspartei gewundert? Rot und nicht einzuschüchtern da dürfen sich die Wiener nicht wundern! Zu allem Überfluss verzichten nun auch noch die Grünen auf ihre eigene Feier und schließen sich dem "Fest der Demokratie" an. Dies alles, obwohl niemand Wiens ehrenwerter Gesellschaft einen Schulterschluss verordnet hat. Die linkslinke Verschwörung funktioniert wie auf Ostküsten-Kommando.
Die Burschen erklären empört, sie wollten nicht als Rechtsextreme betrachtet werden. Was sie sein wollen, erklären sie nicht. Das Sein wird durch den Betrachter bestimmt. Westenthaler substituiert die mangelnde akademische Voraussetzung zur Burschenherrlichkeit durch Treuherzigkeit. Herzig und treu verkündet er, die Burschen müssten unterstützt werden, sie seien von Hitler verfolgt worden. Bekannt ist, dass die Verfolgung der Burschenschaften in deren gefeierter Eingliederung in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund lag. Nicht bekannt ist, dass Herr Westenthaler die Unterstützung der weniger gefeierten slowenischen Freiheitskämpfer Kärntens gefordert hätte. Bekannt ist, dass in Hitlers Reich mannigfache Möglichkeiten bestanden, verfolgt zu werden. Nicht bekannt ist, dass Herr Westenthaler sich unter diesem Aspekt auch noch der Unterstützung der SA zu widmen plane.
5. Akt, 2.Szene:
Der Ärztekongress ist nach Schönbrunn übersiedelt. Wenn mit Bürgerkrieg zu rechnen ist, müsste ihr Berufsethos Ärzten eigentlich gebieten, auf dem Schlachtfeld auszuharren. Außerdem ist jetzt der Grund für die Platzsperre weggefallen. Dies ficht die Polizei nicht an. Das gesamte Gebiet ist zur "Sperrzone" erklärt worden. Allerdings gilt die Sperrzone nicht für Burschen. Diese dürfen dort vormittags Kränze abwerfen und abends Fackeln tragen. Es wird über die Bevorzugung der Burschen gemurrt und niemandem fällt auf, dass hier ein Käfig geschaffen wurde. Vielleicht liegt es daran, dass das gewohnte Schild fehlt "Bitte nicht füttern"!
Der Heldenklotz in der Krypta, vor dem die ergriffenen Burschen trauern werden, wurde übrigens von einem illegalen Nazi geschaffen. Nach eigenem Bekunden hat er eine illegale Nazi-Inschrift im legalen Klotz versteckt und sich darüber "amüsiert", dass die nichtsahnenden Repräsentanten der Ersten Republik sich vor diesem vermummten Nazi-Klotz verneigten. Wie hätte er sich erst amüsiert, hätte er gewusst, dass die ahnungslosen Repräsentanten der Zweiten Republik in den Verneigungen bereits ein "Brauchtum" erkennen würden.
Studentische Aktionisten haben dem "Siegfriedskopf" in der Aula der Wiener Universität des Teutonen wesentlichstes Rasse-Kriterium abgeschlagen. Der nunmehr nasenlose Jüngling mahnt zum Gedenken an "die in Ehren gefallenen Helden unserer Universität", nach Ansicht der Burschenschafter nur an die des Ersten Weltkrieges. Nun ja, 1923 bestand noch kein Anlass, Weltkriege zu nummerieren. Der Nibelungen-Klotz wurde übrigens am 9.November 1923 aufgestellt. Natürlich ist dieses zeitliche Zusammentreffen mit dem "Marsch zur Feldherrnhalle" rein zufällig, natürlich ist es auch den Aktionisten nicht aufgefallen. Sonst wären sie vielleicht auf phantasievollere und weniger gesetzwidrige Ideen gekommen, dem Heldenkopf Vampirzähne aus Marzipan zu verpassen, etwa.
5. Akt, 3.Szene:
Die Wiener Innenstadt hat die anheimelnde Atmosphäre einer Militärdiktatur in nuce. Robo-Cops, Tretgitter, Stacheldraht, Wasserwerfer nur Panzer sind noch nicht aufgefahren. Hubschrauber kreisen über dem Geschehen. Es fehlen nur noch die linkslinken Chaoten, dann kann die Schlacht beginnen!
Denkste! Die Chaoten weigern sich, ihren Part im Drehbuch zu übernehmen. Am Hof herrscht die Bürgerkriegsstimmung des Wiener Stadtfestes. Eine Menschenkette umschließt die Universität, die Demonstrationszüge bewegen sich friedlich um den Käfig voller Burschen. Niemand versucht einen der gestiefelten Kater zu ergattern und ihn der Grottenbahn zu stiften. Die Kriegsberichterstatter unserer unabhängigen Medien wirken leicht verzweifelt. Sie haben Genua versprochen und ein Wiener Derby bekommen. Einige mitleidige Seelen tun ihnen wenigstens den Gefallen, ein Ei und ein paar Paradeiser zu werfen. Mit dieser Bedrohung durch aufrührerische Hühnerprodukte und umstürzlerisches Gemüse wird ein erheblicher Teil der Abendnachrichten bestritten.
Der Volksanwalt ohne Volk hält auf dem Heldenplatz ohne Helden trotzdem seine sorgsam vorbereitete Brandrede über den "linken Mob". Und wenn kein Mob da ist, erfind' ich mir einen! Viel Mob, viel Ehr'! Der österreichische Nationalrat ohne österreichische Nation empört sich über die Gutmenschen. Seit der schwarz-blauen Wende gilt in Kreisen von Regierungsanhängern "Gutmensch" als Schimpfwort. Das lässt manche Schlüsse zu.
Der Innenminister lobt Demonstranten und Polizei. Sich selbst lobt er nicht. Der Innenminister weiß vermutlich dennoch, dass er einen Sieg für die Häupl-Pröll-Connection errungen und die Westenkhol-Koalition eindrucksvoll geschlagen hat. Er wäre nicht der erste Schwarze, der auf einem Meer roter Fahnen in höhere Ämter getragen wird. In den griechischen Tragödien nannte man dergleichen Satyr-Spiel. In der Krähwinkler Posse wäre es eher der Treppenwitz. Die Demonstranten trotzdem vor den Vorhang! ×
P.S.: Unter Applaus, Pfiffen und Buhrufen fällt der Eiserne Vorhang. Dieser Vorhang kann das Übergreifen von Bränden von der Bühne in den Zuschauerbereich verhindern. Das p.t. Publikum wird dennoch höflich ersucht, die Anweisungen zum Verhalten im Notfall zu befolgen.
Sie stammen von einem erfahrenen Brandmeister:
"Warum hast du das nicht verhindert?" "Es waren zu viele." "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern." (Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer)