GM – Seien Sie ehrlich, woran denken Sie, wenn Sie "GM" lesen?
von Brigitte Mahel

 

Seien Sie ehrlich, woran denken Sie, wenn sie "GM" lesen? An "General Motors"? Dann sind sie vermutlich ein Mann, Mitte 30-40. Oder "Gmunden"? Dann sind sie vermutlich OberösterreicherIn und AutofahrerIn.

Befragen Sie aber eine Frau, Mitte 40, eine so genannte "Emanze", denkt sie vermutlich an "Gender Mainstreaming" (sprich dschänder majnstriehmin).
Was das ist? Um mit einem früheren Bundeskanzler zu sprechen: "das ist alles sehr kompliziert".

Gender Mainstreaming ist eine Strategie zur Erreichung der Gleichstellung von Frauen und Männern. "Gender" ist das englische Wort für das "anerzogene, soziale Geschlecht" im Unterschied zum biologischen Geschlecht ("Sex"). "Mainstream" ist wörtlich "Hauptrichtung/Hauptstrom". "To mainstream" meint etwas, das bisher am Rand das Hauptstromes dahinfloss, in den Hauptstrom aufzunehmen. Der Begriff "Mainstreaming" wird meist im Sinne von "alles auf die Geschlechterfrage hin überprüfen" gebraucht.

Nach der Definition des Straßburger Europarates 1998: "Gender Mainstreaming besteht in der (Re-) Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung politischer Prozesse mit dem Ziel, eine geschlechterbezogene Sichtweise in alle politischen Konzepte auf allen Ebenen und in allen Phasen durch alle an politischen Entscheidungen beteiligten Akteure und Akteurinnen einzubeziehen."

Und das Ganze jetzt auf Deutsch?

Wenn etwas geplant wird, wird es von vornherein und selbstverständlich, egal, ob in der Wirtschafts-, Justiz- oder Innenpolitik, daraufhin angeschaut, wie die Auswirkungen auf ALLE Beteiligten sind, auf Männer UND Frauen. Dazu ist es nötig, sich klar zu sein, dass die "Normalsicht" der Dinge eine geschlechtsspezifische Sichtweise ist. In unserer Gesellschaft sind die entscheidenden Stellen meist immer noch männlich besetzt. Vielen ist es noch immer nicht klar, dass Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zuerst einmal erkannt werden müssen, bevor sie beseitigt werden können!

Nehmen wir eine ganz einfache Sache: Eine größere Firma, Siemens, Telekom oder so ähnlich: Prinzipiell herrscht Gleichberechtigung. Es gibt Frauen in Führungspositionen (zumindest in der mittleren Ebene). Nun wird für alle Beschäftigten eine Fortbildungsoffensive gestartet. Das Unternehmen zahlt eine Ausbildung, welche großteils außerhalb der Arbeitszeit gemacht werden soll. Eingeladen sind ALLE. Warum haben sich dann fast nur Männer gemeldet? Die Ausbildung dauert von Donnerstag abends bis Samstag abends. Jede Woche, 3 Monate lang, sie findet in Linz statt.

Eine Kollegin, befragt warum sie ihre ursprüngliche Anmeldung zurückzog, erklärte es so: Sie wäre Alleinerzieherin. Freitagnachmittag und Samstag wären ihre "Einkaufs- und Wirtschaftstage". Sonntag der Tag, an dem sie etwas mit den halbwüchsigen Kindern machen könne. Da könne sie nicht Donnerstag abends bis Samstag abends wegfahren. Eine Aufteilung auf mehrere Abende der Woche und ein Wochenende im Monat wären für sie besser organisierbar gewesen.

Männer haben solche Probleme meistens nicht. Wenn sie Kinder haben und verheiratet sind, liegt die "Familienorganisation" oft bei der Frau, haben sie keine Kinder, gibt es kein Problem.

An den Haaren herbeigezogen? Nun ein Beispiel aus dem Bereich Verkehr:

Die Nebenbahnen, der öffentliche Verkehr im ländlichen Raum. Die Frequenz der öffentlichen Verkehrsmittel wird an die "Benutzungsfrequenz" angepasst. Also werden die Fahrten der Buslinie von A nach der nächstgrößeren Stadt B gekürzt. Der Bus fährt nur mehr um 6.30, 7.30 und 12.00 hin, zurück der letzte um 17.00.

Viele Frauen müssen ihre Rückkehr in den Beruf nach der Karenz verschieben. Sie kriegen ja ohnehin Kindergeld. Aber sie würden lieber arbeiten. Doch das geht sich nicht aus. Zwei Autos in der Familie sind nicht finanzierbar, und das verfügbare braucht der Mann. Eine erreichbare Arbeit zu finden, die sich genau an den Buszeiten orientiert, ist kaum zu finden. Auch der Kindergarten hält nur bis Mittag offen. Das heißt, dass sie vom Kindergarten nicht zurück in ihren Heimatort kommt. Also doch noch ein zweites Auto?
Schließlich wird die Bus-Benutzungsfrequenz noch geringer und irgendwann wird der Busverkehr ganz eingestellt. Was passiert dann mit den Alten und den ganz Jungen? Die sind im Ort eingesperrt. Die Jungen wandern ab, sobald es geht. Die Alten sterben sowieso aus.

Jetzt bin ich aber vom "Gender" etwas abgedriftet! In der letzten "Regierungssaison" war die Verwaltungsreform angesagt. Da sich Österreich durch die Ratifikation des Amsterdamer Vertrages (Artikel 2 des EG-Vertrages) zur Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen verpflichtet hat, sollte auch diese Verwaltungsreform mittels der Strategie des Gender Mainstreaming umgesetzt werden. Leider ist davon bis heute noch nicht viel zu merken. Wohl wurde eine interministerielle Arbeitsgruppe (IMAG) für Gender Mainstreaming eingerichtet, in der alle Ressorts sowie die obersten Organe vertreten sind, doch die tatsächliche Umsetzung lässt noch auf sich warten.

Im Bildungsministerium gibt es Pilotprojekte im Bereich der Akademien, Universitäten, und im Schulbereich. Und es existiert seit 8. Mai 2002 ein Rundschreiben der Bundesministerin zur sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern im Bereich des bmbwk. Das ist aber leider nicht bis zu allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen durchgedrungen. Noch immer ziert die Formulare des bmbwk (z.B. SUB 1-02) die Generalklausel: "Personenbezogene Bezeichnungen in allen Formularen gelten jeweils auch in ihrer weiblichen Form".

Überlegen sie einmal, wie sich eine Alleinerzieherin mit 2 Mädchen fühlt, wenn sie ein Formular ausfüllen muss, in dem nur von "Schüler – Lehrling – der Erziehungsberechtigte" die Rede ist, und bei den Angaben zur Familie der "leibliche Vater" an erster Stelle steht. Dafür gibt es in diesem Formular bereits die gleichgeschlechtliche Ehe: Punkt 9 "Ehegatte des Schülers". Soviel Fortschrittlichkeit hätte ich dem bmbwk gar nicht zugetraut.

Insgesamt sind 7 Ministerien, die Parlamentsdirektion und der Verwaltungsgerichtshof in der IMAG vertreten. Da fehlen also noch einige. Und es gibt noch viel zu tun. Mehr als Broschüren zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch und einigen Arbeitsgruppen und Projekten ist leider bisher nicht viel geschehen.

Anders im Arbeitsmarktservice (AMS). Im AMS ist die Förderung der Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern bereits seit 1997 als Zieldimension formuliert. Nach den Vorgaben des Europäischen Sozialfonds (ESF) hat das AMS begonnen, seine Politik zur Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern - Ohne GM keine Förderungen – so einfach ist es. Wenn’s ums Geld geht, geht fast alles. Das AMS hat einige Maßnahmen zur Gleichstellung gesetzt, das bedeutet meist Frauenförderung. Dies hat aber auch erfordert, dass die Statistiken gendergerecht erstellt werden. Das heißt, nach Männern und Frauen getrennt.

Nicht mehr:
"2560 Arbeitslose"
sondern:
"1250 Männer und 1310 Frauen arbeitslos"

Nur so kann eine Gender-Überprüfung von Maßnahmen vorgenommen werden.

Gendergerechte Statistiken sind auch in allen anderen Bereichen erforderlich. Es geht nicht an, dass es im Bereich der Polizei noch immer nur schwer möglich ist, nach Frauen und Männern getrennte Kriminalstatistiken zu bekommen.

Aber das ist eine andere Geschichte.
Fortsetzung folgt. ×