Ein Beitrag zur sozialliberalen Programmdiskussion:
Konfessionslose in Österreich unter besonderer Berücksichtigung von Parteipolitik
von Karl Linek
Immer mehr Menschen kehren den anerkannten KuR den Rücken. Dabei ist diese Entwicklung sehr uneinheitlich, so dass es interessant ist die Zahlen genauer unter die Lupe zu nehmen. Als Datenbasis bieten sich in erster Linie die Austrittszahlen des Statistischen Zentralamts (neu: Statistik Austria) an. Diese geben einen sehr guten Einblick in den Trend, aber sagen über die absolute Zahl der Herdentiere nichts aus.
Die zweite sich anbietende Datenbasis sind die alle 10 Jahre stattfindenden Volkszählungen. Die letzte war 2001, aber die Zahlen wurden noch nicht ausgewertet. Diese ergeben ein ziemlich genaues Bild über die Zusammensetzung der Bevölkerung, aber Entwicklungen und damit mögliche Prognosen sind nicht abzulesen.
Verbindet man beide Datenbasen, erhält man ein sehr gutes Bild über die Statistik der Konfessionslosen in Österreich. Zusätzlich können Umfragen und Exit Polls, welche unregelmäßig in Zeitungen veröffentlicht werden, herangezogen werden. Diese Zahlen sind mit einer größeren Ungenauigkeit behaftet, da nur relativ wenige Menschen befragt werden. Aber dafür wird oft zu Details befragt, welche nicht Teil von amtlichen Statistiken sind.
Austritte
Bei den jährlichen Austritten werden vom Statistischen Zentralamt für jede anerkannte KoR die Austritte und die Neueintritte oder Übertritte von anderen KoR registriert. Damit ergibt die Differenz aus Austritt und Neueintritt bzw. Übertritt die Nettoaustritte. Diese Nettoaustritte sind damit der Zuwachs an Konfessionslosen pro Jahr. Diese Statistik erscheint seit 1958.
Bemerkenswert bei diesem Diagramm sind die hohen Schwankungen von einem Jahr zum anderen. Dies hängt mit einem sehr starken Einfluss der aktuellen Stimmung der Bevölkerung zusammen.
Außerdem stiegen die Nettoaustritte zweimal dramatisch und nachhaltig an. Vor 1967 lagen die Nettoaustrittszahlen um 0 bis 10000. Von 1967 auf 1968 explodierten die Nettoaustrittszahlen auf über 20000. Der Trend setzte sich gebremst in den nächsten Jahren bis 1981 fort. 1982 explodierten die Austrittszahlen wieder nachhaltig und blieben durchschnittlich bei über 30000. Ab 1989 gibt es starke Schwankungen auf diesem hohen Niveau.
Diese starken Anstiege sind im Diagramm "Austritte Fünfjahresdurchschnitt" besonders gut zu sehen, da die jährlichen Schwankungen wegfallen. Sie spiegeln einen Wechsel der Grundstimmung in der Bevölkerung wieder. Sie sind von einem anhaltenden Zuwachs überlagert.
Wie die jährlichen Schwankungen korrelieren auch die starken Anstiege mit der aktuellen Kirchenpolitik. Der starke Anstieg der Austritte 1968 kann mit der Verdammung der Pille durch den Vatikan in Zusammenhang gebracht werden. Dies hat die österreichische Bevölkerung aufgerüttelt und den Druck, in den Kirchen zu bleiben, verringert. Insbesondere, da die sexuelle Revolution der 60er Jahre eine liberalere Haltung brachte, war eine restriktive Haltung gegen Verhütung nicht mehr akzeptabel. Zusätzlich gab es eine rebellische Grundstimmung in der jungen Bevölkerung, welche unter anderem auch gegen die starren Strukturen in den Religionen aufbegehrte.
Der kleine Abfall 1978 ist durch den Wechsel im Vatikan erklärbar. Der Bonus des Ostpapstes verschwindet jedoch relativ rasch.
Der Anstieg von 1982 kann nicht eindeutig einem Ereignis zugeordnet werden. Möglicherweise gab die Aufdeckung der Verbindungen vom Vatikan mit der Mafia den Ausschlag. Aber es muss wohl eine tiefere innere Abkehr vom Christentum einher gegangen sein, sonst würde sich kein neuerliches Plateau in der Trendlinie abzeichnen, sondern nur ein vorübergehendes Hoch ergeben.
Die Änderung in der Grundhaltung erkennt man, wenn man mit dem Jahr 1995 vergleicht. In diesem Jahr wurden die Verfehlungen des Kardinals GROER einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Viele aus der Bevölkerung benutzten dies als Grund ihren Austritt zu erklären wieder explodierten die Austrittszahlen. 1996 brachen diese jedoch wieder ein, lagen aber noch immer weit über dem Höchststand vor 1995, welcher 1989 erreicht wurde. Doch die Massenaustritte der Jahre '95 und '96 brachten anscheinend nur einen Vorgriff von Entscheidungen, denn 1997 brachen die Austrittszahlen weit unter den langjährigen Durchschnitt ein, so dass sich dieser kaum verändert hat. Wahrscheinlich glaubten viele an den Dialog, der den Laien versprochen wurde. Das Jahr 1998 brachte erneut innerkirchliche Konflikte. Insbesondere der versprochene Dialog wurde nicht eingehalten. Dies katapultierte die Austrittszahlen wieder auf den Fünfjahresdurchschnitt. 1999 wurde der allseits beliebte Weihbischof SCHÜLLER zurückgetreten. Der Aufschrei der Entrüstung schlägt sich wieder in den Austrittszahlen nieder, welche über dem vormaligen Höchstwert von 1995 zu liegen kommen. 2000 sanken die Austritte dann wieder auf das Durchschnittsniveau der letzten Jahre.
Wiedereintritte
Noch vor 30 Jahren hatten die Austritte aus den KuR den Hauptanteil am Zuwachs zu den Konfessionslosen. Während die biologische Vermehrung nur geringen Anteil hatte. Es war sogar sehr oft der Fall, dass konfessionslose Eltern wieder eintraten, um ihren Kindern keine Nachteile in der Schule aufzubürden. Dass solche Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen waren, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Christliche Nächstenliebe erwies sich all zu oft als Lippenbekenntnis.
Besonders in Ballungszentren gibt es derzeit den Trend die Kinder weder taufen noch den Religionsunterricht besuchen zu lassen. Dies wird vor allem durch die Zuwanderung von nichtkatholischer Bevölkerung begünstigt, da nun ein anderer Glaube nicht mehr so absonderlich ist. Statistisch schlägt sich dies in einer geringeren Wiedereintrittsrate (Verhältnis von Austritten zu Wiedereintritten) zu den KoR nieder.
Noch direkter als die Wiedereintrittsrate zeigen die Wiedereintritte in absoluten Zahlen die Grundstimmung der Bevölkerung. Es zeichnen sich 3 Epochen ab, welche wenig durch die aktuellen Ereignisse beeinflusst scheinen, da sie fast linear sind. Die erste Epoche ist gekennzeichnet durch einen rapiden Abfall der Wiedereintritte von über knapp 10.000 im Jahr 1958 bis knapp über 3.000 im Jahr 1972. Dies ist auch der bislang historische Tiefpunkt. Binnen 20 Jahren stiegen die Wiedereintritte auf knapp unter 6.000 im Jahre 1991. Seit dieser Zeit fallen sie in dem Maße, wie sie vorher gestiegen sind, so dass die Rate der Eintritte derzeit wieder unter 5.000 liegen.
Daraus lassen sich ebenfalls Trends ableiten, denn es kostet mehr Energie einzutreten als auszutreten. Da müssen wirklich klare Vorstellungen oder ein massiver Druck von außen vorhanden sein, um einen Schritt in die neue Abhängigkeit zu tun.
In der ersten Epoche haben die rebellischen Roaring Sixties ihre Wirkung getan. Danach sahen sich viele Ausgetretene durch gesellschaftlichen Druck dazu veranlasst wieder einzutreten. Die Anlässe dazu waren besonders Hochzeit und die Taufe der Kinder. Die Zahl der Wiedereintritte muss proportional der Konfessionslosen sein. Da diese im Laufe der Zeit zunahmen, nahmen auch die Wiedereintritte zu. Der Druck blieb über die Jahre der Gleiche, obwohl die Zustimmung zur aktuellen Kirchenpolitik schwankte. Erst die Diskussionen um KRENN, GROER, EDER und KÜNG verminderten den Druck nachhaltig.
Bedeutung erlangt diese nachhaltige Abkehr von den Kirchen besonders in Wien. Obwohl die Austritte aus den KoR sich langsam vermindern müssten, da hier schon mehr als 1/4 der Bevölkerung heraußen ist, und damit der Pool der Kirchentreuen immer kleiner wird. Diese Verminderung ist aber nicht nachzuweisen, im Gegenteil trotz erheblicher Schwankungen ist ein verstärkter Trend der Austritte nach oben und der Eintritte nach unten festzustellen. Die Entwicklung beschleunigt sich damit erheblich.
Jung Alt
Die Altersstruktur der Austretenden ist eine wichtige Größe, lässt sich aber nur schwer ermitteln. Es sind nur indirekte Hinweise möglich, da die Austritte nicht in Altersstufen aufgeschlüsselt werden. Der exemplarische Vergleich von überalterten Stadtbezirken mit Bezirken mit großen Stadterneuerungsgebieten gibt einen guten Einblick in die Altersstruktur und die Motive der Austretenden.
Bei der Volkszählung 1981 war der säkularisierteste Bezirk in Österreich der Wiener Bezirk Meidling. Ca. 12% Orbs war gesamtösterreichischer Rekord. Dieser Wert erhöhte sich bis 1991 nur auf ca. 16 %. In Donaustadt, wo zwischenzeitlich viele neue Wohnungen gebaut wurden, stieg die Zahl der Orbs von ca. 11 % auf ca. 22 %. Damit ist klar, dass viele junge Familien den persönlichen finanziellen Druck durch Steuerflucht abbauen. Wenn auch der finanzielle Grund den Anstoß zum Austritt gibt, so muss doch schon eine grundsätzliche Ferne zur ursprünglichen Religion vorhanden sein, um einen solchen Schritt zu erwägen.
Gesamtzahl der Konfessionslosen
Die Gesamtzahl der Konfessionslosen nimmt seit 1951 stetig zu, wobei sich der Zuwachs noch immer beschleunigt. Nun sind es fast eine Mio. Menschen. Schon seit 1981 sind die Konfessionslosen die zweitgrößte Gruppe noch vor den Evangelischen.
Seit 1971 gibt es Aufrufe die Religionszugehörigkeit nicht anzugeben. Dies trug bis 1991 immer mehr Früchte, sodass es einen großen Anteil unbekannter Religionszugehöriger gibt. Da jedoch aus verständlichen Gründen gerade Konfessionslose keine Angabe machen wollen, um möglichen Restriktionen zu entgehen, machen sie einen Großteil dieser Gruppe aus. Somit ist die Millionengrenze in Wirklichkeit schon längst überschritten, aber nicht statistisch erfasst.
In dieser Hinsicht ist es interessant, dass die Zahl der Nichtdeklarierten von 1991 auf 2001 dramatisch abgenommen hat. Dies ist auf eine Änderung der Gesetzeslage zurückzuführen. Als eine Klage vor der Europäischen Kommission drohte, hat man das Anerkennungsgesetz geändert. Man führte eine Art Warteraum ein. Anstatt sofort Religionsgemeinschaft zu werden, sind Religionen für 20 Jahre eine Bekenntnisgemeinschaft. Was nichts anderes heißt, dass man ihnen die Rechte einer Religionsgemeinschaft für diesen Zeitraum vorenthält. Aber da sie nun einen juristischen Status haben, werden sie nun wenigstens gezählt. Dies hat viele "Sektenmitglieder" dazu veranlasst sich nicht mehr "ohne religiöses Bekenntnis" zu deklarieren. Somit ist klar, dass die zweite große Gruppe der Undeklarierten 1991 "Sektenmitglieder" waren. Der Abfall von ungefähr 110.000 stimmt gut mit den Zahlen der Sektenexperten überein, welche die Anzahl auf 100.000 bis 200.000 geschätzt haben.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zahl der Konfessionslosen weiter entwickeln wird. Wobei es keinen Zweifel über ein Wachsen gibt. Aber es ist fraglich, wie nachhaltig sich der Umbruch in der Gesellschaft manifestiert. Wenn es nicht mehr selbstverständlich ist, dass man die Kinder taufen lässt, dass man die Kinder in den Religionsunterricht schickt und mit Erstkommunion und Firmung die religiöse Impfung vollendet, dann kann es binnen 20 Jahre zu einem neuen Kulturverständnis der Österreicher kommen. Der fragwürdige Gebrauch der Religion wird sich dann nur auf Weihnachten, Ostern und Allerheiligen beschränken. Die Menschen werden die Bräuche aber nicht mehr als religiös betrachten, sondern so wie heidnische Feste nur mehr wegen der Tradition und der Gaudi wegen vollziehen.
Stadt Land
Obwohl sich das obige Szenario beginnt abzuzeichnen, ist es noch in weiter Ferne für Österreich. Am schnellsten kann sich in Wien eine derartige Veränderung der Gesellschaft ergeben. Schon jetzt wird weniger als die Hälfte der Kinder getauft. Viele Jugendliche treten schon während der Schulzeit aus. Konfessionslos zu sein wird normal.
Dies hat auch schon in den absoluten Zahlen ihre Auswirkung. In Wien gibt es mehr als ein Viertel Konfessionslose und weniger als 50 % Katholiken. Damit ist Wien das einzige Bundesland mit weniger Katholiken als der Durchschnitt im gesamten Bundesgebiet.
Während sich in den Städten die Orbs sammeln, sind auf dem Land die alten Strukturen noch in Takt. Es ist immer noch ein Problem nicht am Sonntag in die Kirche zu gehen. Man wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Auf dem Lande, wo man aber alle sozialen Kontakte in dieser Gemeinschaft hat, ist das eine besonders harte unausgesprochene Drohung. Offen treten Konflikte zu Tage, wenn man den Schritt in die Konfessionslosigkeit setzt. Es gibt genug Beispiele für offene individuelle Diskriminierung, welche von Jobverlust und Enterbung bis zum Begräbnisverbot auf Friedhöfen reicht. Der Spruch, dass Stadtluft frei mache, hat seine Aktualität noch immer nicht verloren.
Parteien und Konfessionslose
Das Wahlverhalten der Konfessionslosen ist nur durch persönliche Befragung zu eruieren. Die aus einer Exit Poll vorliegenden Daten vom Fesselinstitut sind zwar mit einer Unsicherheit belastet, aber sie ergeben zusammen mit dem NR-Wahlergebnis ein interessantes, wiewohl erwartetes, Bild der Präferenzen.
Obwohl die SPÖ sich schon lange von ihrer areligiösen Politik der 20er Jahre verabschiedet hat, ist die Sozialdemokratie noch hoch im Kurs bei den Konfessionslosen. Bei den Kirchengehern ist sie durch die Aussöhnung mit der Kirche immerhin mit 20 % vertreten. Obwohl die Unterschiede noch groß sind, etabliert sich die SPÖ immer mehr zu einer Sammelpartei, welche keine ideologischen Gegensätze verträgt. Sie vertritt auch keine Ideologie mehr, sondern versucht sich lieber in postmoderner Beliebigkeit. Die Scheinabsichten nach mehr Grundsatz und das Gepolter nach dem Austritt aus der Regierung können nicht über die Haltlosigkeit der SPÖ hinwegtäuschen. Reflexe gegen rechts sind zwar noch vorhanden, aber nicht ideologisch fundiert. Eine durchaus FPÖ-nahe Ausländerpolitik hat dem SPÖ-Innenminister SCHLÖGEL seinerzeit sogar Lob von deren Seite eingebracht.
Diese Politik, allen zu gefallen, brachte den Freidenkern immer wieder Abfuhren ein. Anstatt dem Ansinnen eines eigenen Lebenskundeunterrichts zu unterstützen, war der 'rote' Wiener Stadtschulpräsident SCHOLZ ein Vorreiter für den Ethikunterricht. Dass dieser auch von Religionslehrern durchgeführt wird und es keine Abmeldemöglichkeit gibt, ist weltanschaulich neutralen Politikern egal.
Die 59 % Zustimmung bei den Kirchengehern hat sich die ÖVP ehrlich verdient. Bei jeder Gelegenheit wird die Kirchennähe betont. Die geringe Zustimmung der Orbs ist damit nur natürlich. Sie fühlen sich durch die ÖVP einfach nicht vertreten.
Die FPÖ hat traditionell einen hohen Anteil Konfessionsloser. Dies datiert noch aus der Zeit, als sich die FPÖ als liberale Partei positionieren wollte. Die FPÖ hat immer wieder glücklose Versuche unternommen, der ÖVP christliche Wählerstimmen wegzunehmen. Nur der Fundi KRENN erwiderte das Liebeswerben und brachte vielleicht auch die eine oder andere extrem konservative Stimme. Der Großteil blieb jedoch bei der ÖVP.
Die Grünen hatten mit dem Umweltbereich schon immer ihr eigenes Kampffeld. Mit Mühe können sie die sozialpolitische und wirtschaftspolitische Kompetenz verkaufen, obwohl sie diese mittlerweile reichlich haben. Eine weitere Front in Richtung Kirche scheint nicht angebracht zu sein. Dabei sollten gerade die Grünen an der Gruppe der Konfessionslosen interessiert sein. Denn diese Gruppe hat das gleiche Profil wie die Grünwähler. Sie sind jung, gebildet und gegen traditionelle Strukturen. Nicht von ungefähr haben auch die Grünen bei den Konfessionslosen einen überproportionalen Zuspruch. Die Grünen sind die einzige Partei, welche die Anerkennung von nichtreligiösen Weltanschauungen im Programm hat. Es ist jedoch nicht ausgesprochen, dass dies auch im juristischen Sinn gemeint ist. Das wird sich erst dann weisen, wenn sie dieses Programm auch in die Tat umsetzen können.
In Relation zum Nationalratsergebnis 1999 hat das Liberale Forum den größten Zuspruch bei den Konfessionslosen. Die Anregung auf Neuverhandlung des Konkordats hat große Wirkung gezeigt. Auch die allgemein liberale Haltung kommt den Konfessionslosen entgegen. Abgestoßen hat die kritiklos positive Haltung zur EU, welche ein Ausfluss der neoliberalen Wirtschaftspolitik war. Genau diese war es, welche alle anderen Strömungen abblockte. Eine soziale Komponente, welche dialektisch dem Wirtschaftsliberalismus gegenübersteht, hätte möglicherweise einen größeren Zulauf bewirkt.
Abschließend kann gesagt werden, dass die Gruppe der Konfessionslosen noch nicht von Spindoktoren entdeckt worden ist. Wobei das Potenzial von über einer Million schon beträchtlich ist. Auch die Zuwächse pro Jahr sind sehenswert und die Altersstruktur verspricht eine nachhaltige Entwicklung.
Politik für Konfessionslose
Für Politiker ergibt sich das Problem eine Politik für Konfessionslose zu machen. Schon der Begriff suggeriert, dass es sich um Menschen handelt, welche nur die Ablehnung vorhandener (religiöser) Weltanschauungen gemeinsam haben. Da eine Ablehnung alleine keine Weltanschauung sein kann, welche unterstützenswert ist, scheint es auch nicht opportun zu sein eine solche Gruppe staatlich zu unterstützen. Genau hier ist schon der erste Denkfehler und gleichzeitig auch der erste Ansatzpunkt. Die im Kasten (unten) aufgezählten Weltanschauungen zeigen die von religiösen Vorstellungen unabhängigen Denkansätze auf. Es gibt viele, welche eine positive Lebenseinstellung vermitteln und nicht von einer Nichtexistenz von Göttern ausgehen. Sehr wohl wird man beim Versuch, diese Weltanschauungen mit religiösen Inhalten zu füllen, feststellen, dass sie inkompatibel zueinander sind.
Im nationalen Österreichischen Recht gibt es den Begriff der Weltanschauungsgemeinschaft nicht. Es wird immer nur von Religionen gesprochen, welche Unterstützung, Anerkennung, Schutz, Steuererleichterung, usw. verdienen. Der erste Schritt müsste sein, dass Weltanschauungen ohne Gott, Ritus und Jenseitsvorstellungen anerkannt werden. Diese Anerkennung muss sich einerseits in einer Dialogbereitschaft manifestieren und andererseits in einer gesetzlichen Gleichstellung mit den religiösen Weltanschauungen enden.
Eine Gleichstellung auf Europaebene ist bereits vollzogen. Die Europäische Humanistische Föderation (EHF) wird als gleichberechtigter Ansprechpartner wie die Religionen bei Richtlinien mit ethischem Hintergrund anerkannt. Obwohl die Regierung (welche auch immer) sehr oft Musterschüler auf EU-Ebene sein will, hat sie bis jetzt keine Anstalten in diese Richtung übernommen. Diese kurios absurde Situation wird noch verstärkt, indem der Autor die IHEU (Internationale Humanistische und Ethische Union) bei der UNO vertritt, aber im eigenen Land keine öffentliche Anerkennung genießt.
Es ist daher zu fordern, dass ein Gesetz zur Anerkennung von Weltanschauungsgemeinschaften beschlossen wird, und dass der Freidenkerbund sofort per Gesetz anerkannt wird.
Die Kirchen genießen große Privilegien, welche zu Lasten der Gesamtbevölkerung gehen. Einerseits wird unterschieden, ob es sich um KoR handelt, wenn es um die Auszahlung geht, andererseits wird beim Steueraufkommen kein Unterschied gemacht, ob man einer Religion angehört oder nicht.
Die Konfessionslosen zahlen mehr Steuern, damit Religionen in Österreich unterstützt werden können, selbst wird ihnen aber eine Weltanschauung abgesprochen. Dies ist ein untragbarer menschenrechtswidriger Zustand. Man fragt Politiker gerne, wenn sie nach China reisen, ob sie dort auch über Menschenrechte reden. Aber es muss auch einmal angefragt werden, ob die leibliche Existenz die einzige Zielgröße der Menschenrechte ist. Menschenrechtsverletzungen können auch ganz anderer Natur sein. Österreich ist ein gutes Beispiel dafür. Dieses Beispiel gilt es in das Reich der Historie zu schicken, indem man die Menschenrechte auch hierzulande in vollem Umfang auch den Konfessionslosen zukommen lässt. ×Glossar:
Exit Polls: Befragung direkt nach einer Wahl
Konfessionslose: Nicht Angehörige einer anerkannten KoR, aber möglicherweise Sektenmitglied
KoR: Kirche oder Religionsgemeinschaft (auch Mehrzahl)
KuR: Kirche und Religionsgemeinschaft (auch Mehrzahl)
Orbs: Deklarierte Menschen ohne religiöses Bekenntnis, nur in bezug auf die Statistik gemeint. Das hat keinen Bezug zur wahren Religion.Weltanschauungs- und Denktypen:
Agnostiker: Mensch, der die Erkennbarkeit des Göttlichen und die Frage nach dem Da- und Sosein Gottes als unentscheidbar ablehnt, indem er den Standpunkt vertritt, dass darüber kein echtes Wissen möglich ist.
Antireligiöser: Mensch, der religiöses Denken- und Leben ablehnt, ja sogar als unnötige Abhängigkeit bekämpft, weil für ihn Religiöses etwas ist, das die Entfaltung menschlicher Existenz behindert und Menschen von ihrer Eigentlichheit, als zur Freiheit bestimmte Wesen, entfremdet.
Areligiöser: Mensch ohne Religion und Gottesglauben, bzw. ohne transzendierende Rückbindung an übermächtige, außernatürlich oder überweltliche Kräfte und Wesensformen, der also seine Lebensorientierung aus rein weltlichen Faktoren bezieht, und seinen Existenzvollzug frei von einschränkenden Relationen zu weltüberschreitenden Mächten gestaltet.
Atheist: Mensch, der den Glauben an einen überweltlichen, persönlichen Gott ablehnt und den göttlichen Ursprung der Welt im Sinne von Schöpfung genauso bezweifelt, wie den göttlichen Schöpfungs- und Heilsplan und die damit verbundene teleologische Ausrichtung der Welt auf ein welt-transzendierendes Endziel hin.
Esoteriker: Mensch, in dessen Denkwelt das Mystische und Rätselhafte eine übergroße Rolle spielt, und der seine Existenz von solchen (schwer definierbaren) Mächten ("Energien", "UFOs"...) geleitet sieht.
Freidenker: Mensch mit offener Weltanschauung, ohne festgesetzte Denkgrenzen mit einer offenen Werthaltung, die skeptisch ist gegenüber religiösen, dogmatischen, transzendenten, autoritären und anti-emanzipatorischen Denkfiguren.
Humanist: Mensch, der in der menschlichen Existenzform, im Mensch-Werden und Mensch-Sein, den obersten Wert sieht und in dessen Denk-, Seins- und Wertordnung das "Humane" im Mittelpunkt steht.
Materialist: Mensch, für den der Ursprung alles Seienden in der Materie (als einem nicht-transzendenten Sein) gründet und die Wirklichkeit als Erscheinungsform und Auswirkung dieser Materie versteht.
Naturalist: Ein Mensch, der die Natur, mit ihrer Struktur und Vielfalt, als objektiven und obersten Richtwert anerkennt, wobei der Mensch ausschließlich als Teil der Natur verstanden und in seiner Existenz von dieser abgeleitet wird.
Nihilist: Mensch, der eine gegebene (metaphysische) Erkenntnis-, Sein-, Wert- und Sinnordnung als nicht-existent (als ein "Nichts") ablehnt.
Religiöser: Mensch, mit glaubensmäßiger Rückbindung an innerweltliche oder außerweltliche Mächte und Werte, von denen er sich, in seinem Dasein und Sosein, gestiftet und geleitet sieht, und die seiner Existenz eine Sinnorientierung (ein Warum und Wofür) vermitteln.
Skeptiker: Mensch, der systematisch alles in Zweifel zieht, und nur das als sicheres Wissen akzeptiert, was sich empirisch und logisch beweisen lässt.
Theist: Ein Mensch, mit einem Glauben an einen transzendenten, personalen Gott, der als Urgrund allen Seins (Schöpfer der Welt und Erhalter der Seinsordnung), als Urvermittler aller Sinngefüge (oberster Wert) und als Endziel aller Existenzentwicklung (Vollender der Subjekte und Objekte) betrachtet wird.