Schwertgeklirr trifft Wogenprall

Wir bringen Ihnen hiermit exklusiv, weil gestützt auf die Geheiminformationen unseres hervorragenden Teilzeitagenten (er arbeitet hauptberuflich als Talente-Scout für das Nationalteam, aber das sagen wir nicht gerne laut), die wahren Ereignisse der letzten Monate zur Kenntnis. Jedwede Verantwortung übernehmen wir im selben Umfang, wie Gigi-ihrem-Mann-seine-Partei dies zu tun pflegt. (Wir sind schon weg!)

von Advocata Diaboli

Der echte Österreicher liebt Moorhühner und Backhendln, von Blechgeflügel hat er nichts gesagt. Auch frühere Regierungen hatten es schwer, die unbedingte Notwendigkeit der stählernen Fledermäuse zu Schutz und Trutz des Vaterlandes zu propagieren. Schon der im Amt befindliche prähistorische Flugsaurier, gegen den selbst die frühantike Iljuschin aus dem Heeresgeschichtlichen Museum schnittig wirkt, reizte eher zu Mitleid mit dem zerrupften Tier als zu patriotischer Aufwallung. Nun wollte sich jene Regierung, die in der Beliebtheitsskala gleich nach Attila dem Hunnenkönig gereiht sein dürfte, zwei Dutzend "Euro-Fighter" zulegen. Ausgerechnet! Als ob wir davon nicht schon genug hätten! Erst will der Finz Stück für Stück kontrollieren, was uns Österreichs begehrtester Schwiegersohn gelassen hat, und nun wollen sie noch Kampfgeschwader gegen unsere letzten Reserven in Stellung bringen! "Unter Geiern" als Wirtschaftskonzept. Aber wenn man schon Wind säen will, sollte man ihn wenigstens "Rih" nennen. "Typhoons" beeindrucken den Durchschnitts-Österreicher ungefähr so sehr wie der Quarterback der Boston Red Sox. Das Marketing ließ also von Anfang an zu wünschen über.

Das begehrliche Volk erdreistete sich auch sofort, die Obrigkeit zu belästigen. Der Innenminister widerlegte eindrucksvoll alle Gerüchte liberaler Gesinnung und setzte die Eintragungswoche für aufmümpfige Untertanen so fest, dass mit einer gewissen Sicherheit angenommen werden konnte, nur eine Minderheit werde sich im näheren Umfeld ihres Eintragungslokales aufhalten. Das kleingeistige Kämpfer-Format geriet ins Stottern. Die Sozialdemokratie verharrte bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse in heroischer Deckung. Ihrer Majestäten statuarische Opposition waren mit Selbstdarstellung an Österreichs südlichen Binnengewässern beschäftigt, wo sie sich - von buchstabierenden blauen Überwachungskameras genervt – an der Gründung einer Internationale der Nationalen versuchten. Die Schuldzuweisung für das desaströse Ergebnis ihrer Überzeugungskraft bereitete der Regierung daher einiges Kopfzerbrechen, verweigerte doch ein Prozentsatz an Stimmberechtigten, der in jedem Verein ausreicht, die Einberufung einer Mitgliederversammlung zu erzwingen, ein "Ja zu A wie Abfangjäger" und verlangte von seinen geschäftsführenden Organen den Abschluss der geplanten Verträge zu unterlassen oder der Beschlussfassung durch eine außerordentliche Mitgliederversammlung zu unterwerfen.

Hinzu kam, dass der Initiator der Bewegung, ein ehemaliger Mitarbeiter der "Mausi-Mann for president"-Kampagne, über jeden Verdacht differenzierter politischer Überlegungen erhaben und somit jederzeit für höhere Aufgaben in der Mitte des ideologischen Nichts integrationsfähig schien. Es fällt schwer, ihm auch nur etwas Schlimmes zuzutrauen.
Die schwergeprüften Staatslenker verwiesen schließlich seufzend auf ein "Kommunikationsproblem". Kommunikationsproblem ist, wenn das Volk Blödsinn als solchen erkennt.
Da die US-Air-Force glaubwürdigen Gerüchten zufolge schon vor dem 11. September über Jagdflugzeuge verfügte, scheinen diese keine Sicherheit gegen die vom weltumspannenden terroristischen Netzwerk zweifellos bereits geplanten Attacken auf Stephansdom, Arnold-Schwarzenegger-Stadion und Berg-Isel-Schanze zu bieten. Die sichere Erwartung, dass nur die Kosten der abgehobenen Streitmacht vergesellschaftet, die Gewinne aus ohnehin luftigen Gegengeschäften aber zugunsten der Magnaten privatisiert würden, dämpfte die Investitionsfreude. Selbst konjunkturbesorgten "Linkslinken", denen Schulden lieber sind als Arbeitslose, schien der Einsatz von zumindest zwei Milliarden Euro zur Sicherung von – unter Berücksichtigung einer allenfalls vorhandenen Ersatz-Crew und des Wartungspersonals – drei bis vier Dutzend Inländer-Arbeitsplätzen für die nächsten drei bis vier Legislaturperioden als keynesianisches Missverständnis. Dass irgendwo in der Schweiz eine leninistische Wiedergeburt darauf lauert, in die ungeschützten Heimatgaue einzusickern, konnte zwar nicht gänzlich ausgeschlossen werden, doch müssten selbst die letzten Bekämpfer europäischer Gespenster schon erkannt haben, dass für alle Arten von Barrikadenstürmern die Begegnung mit den hiesigen revolutionären Massen abschreckender wirken dürfte, als die gesamte Streitmacht des Bundesheeres zu Land, zu Wasser und in der Luft. Die erhabene Idee der sich nach-effend versuchenden Gräfin, Drogenhändler durch den Einsatz von Abfangjägern an ihren finsteren Plänen zu hindern, kam zu spät, wiewohl zumindest blauer Ur-Schotter eigentlich selbst hätten erkennen müssen, wie unbequem es für unsere mutigen Grenzschützer ist, – von Nackenschmerzen und tränenden Augen geplagt – in den Himmel zu starren, um die handybewehrten Nigerianer auf ihren Fliegenden Designer-Teppichen rechtzeitig auszumachen.

In einem letzten Aufbäumen versuchte es die Regierung mit dem einzigen Thema, das die Österreicher neben der heiligen Dreifaltigkeit aus Ausländern, Kriminalität und Drogen mehrheitlich die tauben Ohren aufstellen lässt: der Neutralität. Die trittbrettfahrenden Sicherheitsschmarotzer, die blauäugigen Verfassungsgläubigen, die pazifistischen Europafeinde, die menschenrechtsverachtenden Illusionisten – kurz: alle schon im Profil als schwachsinnig Erkennbaren – sahen sich plötzlich von WEU-begeisterten Blauen und NATO-hörigen Schwarzen umringt, die zur Verteidigung der obsoleten Mozartkugeln auf keine Schablone verzichten wollten. Dass sich die taktische Begabung unserer Polit-Olympier in Grenzen hält, wissen wir seit zweieinhalb Jahren. Diese Aufforderung jedoch sprengte den Rahmen des Vermutbaren. Wir sollen wirklich die Neutralität mit Abfangjägern verteidigen? Luftangriffe gegen unsere geschätzten Parlamentarier fliegen? Das können die doch nicht ernsthaft wollen? Der unentbehrliche Kanzler zum Beispiel hat zwar Erfahrung im Bunker-feeling, mit dem Befehl "Fliegerdeckung" hingegen wüsste er nichts anzufangen, da können Jung-Brigadiere noch so laut ins Plenum schreien.

Wenn der Feind der Neutralität also nicht an der Milchbar steht, wo dann? Steuert Raumschiff Enterprise auf Kollisionskurs mit dem Riesenrad? Plant Saddam Hussein einen Space-Shuttle-Angriff, um – ohne an der Überwachung des Österreich umgebenden NATO-Luftraumes zu scheitern – den neutralen österreichischen solchen verletzen zu können? Droht die Schweiz mit einer Invasion von Mittelstürmern? Wollen wir den Friedensjoschka daran hindern, die verbliebenen Brucken nach Belgerad zu zerschlagen? Ist gar an unfreundliche Akte gegen die Führungsmacht der freien Welt gedacht? Sollen "unsere Verbündeten" etwa während des Durchfluges in die nächsten zwei bis drei Wüstenstürme durch photographierende Jet-Piloten irritiert werden? Die globalisierten Präventiv-Schläger sind doch ohnehin jederzeit bereit, uns zu sagen, wer bei uns Rundflüge veranstaltet. Wenn wir höflich fragen, schicken sie uns Farbphotos aller ehemaligen, derzeitigen und zukünftigen Eindringlinge in High-Tech-Qualität und formulieren sich auch gleich die Proteste selber, mit Durchschlag für den eigenen Reißwolf und Schmuckrahmen für unser ehemaliges Außenministerium.

Der Bundeskanzler ahnte die Verwirrung seiner trotzigen Landeskinder, brach das große Schweigegelübde und erklärte seine Bereitschaft, jeden politischen Preis zu zahlen, um Österreich mit Jagdbombern auszustatten, da die Begleichung sonstiger Preise mit hoher Wahrscheinlichkeit an die Steuerphantasie einer nachfolgenden Verschwenderregierung delegiert werden konnte. Militärbündnisse und Neutralität schließen einander nicht unbedingt aus, wie die Neutralität ja auch durch den geplanten EU-Beitritt nicht angetastet worden gewesen sein würde, weswegen sie seither nur noch in der – nebbich – Verfassung steht, aber in der Luft hängend verteidigt werden muss. Es ist immer wieder atemberaubend, sich den verbalen Duftmarken von Wolfis wundersamen Reisen auf dem Verfassungsbogen auszusetzen. Und wenn der etwas sagt, dann ist das so!

Der grüne Professor wollte sich dennoch an die eventuell noch geltende Verfassung halten und behufs dessen deren Inhalt von Experten erforschen. Er war zumindest bezüglich der österreichischen Realverfassung schnell erfolgreich. Der Experte für Volksaufklärung und Propaganda ließ ausrichten, es gebe nur NATO ohne oder Neutralität mit Kriegsspielzeug, worüber eine Volksabstimmung abzuhalten sei. (Über die Formulierung eines abstimmungsfähigen Gesetzestextes zerbricht sich vermutlich ein aus dem inländischen Verkehr gezogener drink-tank den Kopf.) Der Experte für aufgeklärten Absolutismus teilte mit, das Volk sei ohnehin zu blöd für wichtige Entscheidungen, eine Erkenntnis, die im Hinblick auf die bestehende Mandatsverteilung im Nationalrat nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Nach derart fundierten Expertisen versuchte der grüne Professor in weiser Selbstbeschränkung wenigstens nur noch, seiner eigenen Partei die Bedeutung des Konjunktivs zu erklären.

Einige späte Nachfahren Pizzaros ließen in unregelmäßigen Abständen wissen, dass es mit Humanitätsduselei, Katastrophenhilfe und Militärmusik nicht getan sei. Wir müssten gefälligst einen vollwertigen Beitrag zum militärischen Komplex der supranationalen Industriellenvereinigung leisten. "Der Frieden uns nicht interessiert, eh' wir die Welt nicht annektiert." Süß und ehrenhaft ist's, für Aramco zu schießen. Schließlich wollen sie nicht Kasernen-Klos schrubben, wenn alle anderen zum Cowboy-Spielen dürfen. Mutter, was hast du getan, dass der Krieg nicht kommt? Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. Wovon soll der Landser denn schon träumen? Join the army, see the world, meet nice people, kill them all. (Nur wer Rambo kennt, weiß, was sie leiden!)

Schützenhilfe bekamen die kleinen Frundsberger von einem bisher zurechnungsfähig wirkenden Mitglied der Professor-Partei, das sein Herz für die Euro-Armee entdeckt hatte. (Warum auch nicht, es haben ja schon ganz andere mit Friedensmärschen begonnen und mit Balkankriegen geendet. Das nennt man heute "Mut zur Anpassung".) Ein Einsatzradius von 4.000 km gilt in der künftigen Euro-Armee derzeit als notwendiges Minimum zwecks Sicherung des Zugangs zu strategischen Rohstoffen, der Aufrechterhaltung des freien Handels, der christlichen Seefahrt und was an europäischen Grundwerten sonst noch so des Schutzes bedarf. Selbstverständlich wird sie ein reines Defensivbündnis sein, allzeit bereit, unsere Schrebergärten am Ural vor unbefugtem Betreten des Rasens zu schützen und unser Menschenrecht auf freie Fahrt für freie Bürger in der Gegend von Mekka einzufordern. Mit dem Islam muss man hart sein. Da gibt es keine Würschteln (Veltliner und Weißbier auch nicht). Diese europäische Wacht am Suez wird rein gar nichts mit der NATO zu tun haben. Out-of-area-Einsätze zur Verteidigung europäischer Interessen sind per se friedenssichernde Maßnahmen. Zu imperialistischen Plünderzügen werden sie erst unter dem anderen Sternenbanner. Wenn zwei das gleiche wollen, werden wir den Kalten Krieg bald wieder haben. (Aber Checkpoint Charlie würde sich schließlich am Platz des Himmlischen Friedens auch ganz gut machen).

Ohne Einschränkungen wurde die Neutralität von der Sozialdemokratie verteidigt, was dieser insofern nicht schwer fiel, als sie ihre wertvolle Mithilfe zur Reduktion des verteidigungsbedürftigen Objektes bereits uneingeschränkt gewährt hatte. Militärisch betrachtet reicht zur Verteidigung der letzten zwei, drei unbestrittenen Beistriche des Neutralitätsgesetzes die Ehrenkompanie.

In den Jagdbomberturbulenzen bereits trudelnd, drohte die Regierung endgültig durchzusacken, als bekannt wurde, dass das "Nulldefizit" – das letzte Hemd der "Wenderegierung", für das sie die Großmütter verkauft und die Enkelkinder ausgezogen hatte – nicht erreicht werden würde, obwohl der Finanzminister das gesamte Familiensilber verschleudert, die Einführung der Sklaverei versprochen und alle kreativen Bilanzmethoden angewandt hatte, zwischendurch über den Bedeutungswandel der Null unter besonderer Berücksichtigung ihres Standortes philosophierend. Die herunterzählende Uhr war stehen-, das Glück des Tüchtigen definitionsgemäß ausgeblieben. Von ferne war die Mundharmonika eines Revolutionerls zu vernehmen – für Clairons reicht es in Absurdistan selten – und es stand zu befürchten, dass der Karawankenbär bereits für die Rolle eines Spartabussi probte.
Ein Außenfeind wurde immer dringender gebraucht und war immer weniger in Sicht. Der Kanzler geriet ins Träumen, als er an die gute alte Zeit dachte, damals, als noch halb Europa von linkslinken Ostküstenverschwörungen regiert wurde! Jetzt saßen an allen Ecken und Enden politische Freunde, die nicht daran dachten, ihn zu boykottieren. Terroranschläge wären auch recht hilfreich gewesen, sollen sie doch schon unfähigere Regierungen als die seine gerettet haben, aber leider war Bin Laden unbekannt verzogen, die Zustelladresse der Al-Qaida ungewiss, Abu Nidal tot und Saddam Hussein ein Freund des Chefs. HNA und Stapo wären – das hatten ihm die zuständigen Minister versichert – weder personell noch materiell in der Lage, einen Anschlag zu inszenieren, der nicht von jeder engagierten Schülerzeitung aufgedeckt werden könnte. Wenn doch dieser Piefke den Herminator erst dieses Jahr über den Haufen gefahren hätte! Aber nein, das musste passieren, als die Phantasiezahlen des Finanzministers noch von jedermann außer seinem Vorgänger geglaubt wurden. Der Kanzler war erstmals neben sprach- und hilf-, auch plan- und ratlos.

Er zog sich in sein Lieblings-Kloster zurück, was der interessierten Öffentlichkeit natürlich nicht auffiel (erst neulich soll ein Partisan am Küniglberg für die 100.000-Euro-Frage der Millionen-Show vorgeschlagen haben: "Wie heißt der österreichische Bundeskanzler". In Testspielen tippten 30% auf Riess und 42% auf Passer. Der Rest war der Ansicht, es gäbe keinen. Seither diskutiert der Stiftungsrat darüber, ob nur die Millionen-Show eingestellt, oder der ORF in eine "Privatstiftung Pröll" übergeleitet wird). Die Kanzler-Gebetsrunde, die von einem nicht näher bekannten Militärseelsorger geleitet wurde, hatte sofort durchschlagenden Erfolg, da der Gott, der Eisen wachsen ließ, noch ausreichend nicht-privatisiertes Wasser vorfand. Nach der nächsten GATS-Runde hätte der Alte Herr nach einem Blick auf die Kostenvoranschläge mit Bedauern abgewunken. So aber ließ er eine Jahrhundertflut hereinbrechen. Aqua ante portam! Feind in Sicht!

Die Regierungsmannschaft entsann sich denn auch sofort des PR-Effektes cooler Gummistiefel – es muss am Klima liegen – und begab sich an jene Stätten, wo die Wogen am höchsten und die Kameras am zahlreichsten waren. Mit den Flüssen Österreichs schwollen die Kämme, wo gebrochene Dämme beklagt werden, fallen gebrochene Worte nicht mehr auf. Neben den Sandsäcken wurden die Phrasen gestapelt. Der nächste Nobelpreis für Literatur geht an den Erfinder des Spruchs "rasch und unbürokratisch". Unter dynastischen Größenwahn fällt wohl die Meldung, dass "die Bundesregierung" seit Anbeginn der Zeiten jede Spendensumme der Untertanen leutselig verdoppelt. Nebenbei erfuhr das gemeine Volk noch, dass es sich für private Risikovorsorge am besten ans Salzamt wendet. Hochwasserschäden sind nur dann und insoweit versicherbar, als a) das versicherte Risiko ausgeschlossen werden kann oder b) gerade noch die Umsatzsteuer aus den Kosten der Schadensbehebungen versichert ist, oder c) die Versicherungsprämie hoch genug ist, den Versicherungsnehmer zuverlässig am Erwerb versicherbarer Werte zu hindern. Alle Marktanbeter entdeckten prompt den Staat, souveräne Landesfürsten verlangten nach Einmischung des Bundes, und dieser fahndete nach dem Katastrophenfonds. Es erwies sich, dass es sich bei Letzterem um einen entfernten Verwandten des Familienlastenausgleichsfonds handeln dürfte, in dem noch jeder Finanzminister ein Zettelchen hinterlassen hat "Die Firma dankt!".

Der Kanzler befahl dem Volk zusammenzurücken, eingedenk der traditionellen konservativen Maxime, dass jedwedem Umstand im Zweifel mit der Einschränkung des persönlichen Freiraumes zu begegnen ist. Der niederösterreichische Häuptling rief das landesweite Chaos zum Familienereignis aus, der oberösterreichische versuchte sich in Katastrophen-Kampf-Rhetorik, wusste aber letztlich nicht, wem er den Krieg erklären sollte. Das Volk erinnerte sich glücklicherweise daran, dass seine Stärke in Solidarität besteht und ignorierte seine Landesväter, -onkeln und sonstige Sippschaft. Selbst Europa funktionierte, wenngleich seine Polit-Kommissare noch immer darüber rätseln, wie es dies ohne einschlägige Richtlinie wagen konnte.

Der Bundeskanzler verkündete ein "Solidaritätsopfer". Die Einführung einer Flutsteuer wurde überlegt. Der Finanzminister lächelte verklärt, stiegen vor seinem geistigen Auge doch bereits die Möglichkeiten von Lawinen- und Waldbrand-, Erbeben- und Glatteissteuern auf, sowie die Einführung einer allgemeinen Wetterabgabe mit Zuschlägen für günstige Schneelage auf der Streif und Absetzbeträgen für Regen im Bärental. Das hätte ihm ein nettes Körberlgeld beschert, er hätte das "Null-Defizit" geschafft und Scheibner die Re-Militarisierung erstritten. An der bestehenden Abgabenquote wäre Bruno Kreisky schuld, an der katastrophalen Wirtschaftslage der Elfte September, an der Arbeitslosenrate die mangelnde Flexibilität des Produktionsviehs und an der Flutsteuer Gott, die Natur oder die Roten – je nach Glaubenslage. Der Bilanzbuchhalter der Nation war mit dem Rechnen noch nicht fertig (wir wissen: das ist nicht seine Stärke), da war die Flutsteuer schon wieder passé. Kein Wunder, das Volk hatte nur "Opfer" gehört, sich seiner katholischen Erziehung erinnert und gierig auf den Kanzler geblickt. Auch diesem schien die Ausrufung des "Schüssel-Grasser-Kurses" ziemlich riskant, erinnerte er sich doch ungern seiner ersten Lachnummer, als er noch mit seinem Doppel-Kopf-Partner Ditz aus der Kurve geflogen war. Auch wusste er, dass seiner kein Stronach und kein Prinzhorn, sondern nur der Leitl harrte (die Ausgedinge-Banken hatte man ja blöderweise rationalisiert, privatisiert, fusioniert und exportiert). Aber wenigstens wollte er die schwer erbetete Jahrhundertflut – für irgendetwas musste sie ja gut sein – für seinen Nachruhm nützen. Ihm deuchte, er werde sonst nur als Sendepause in "Österreich III" eingehen. Einige historische Andockmanöver hatte er bereits in Sparversion erwogen und wieder verworfen: Zu Raab fehlte ihm alles außer dem Parteibuch und zu Klaus rund 25%, an Dollfuß störte ihn die Notwendigkeit des Märtyrertodes und zu Schuschnigg fiel nicht einmal seiner eigenen Partei etwas Gutes ein. Blieb nur noch "Figl von Österreich" – in Copy-Shop-Qualität, versteht sich. Zwecks Entgegennahme des Volksjubels mit dem Koalitionspakt einen Balkon zu erklimmen, hatte er sich ja versagen müssen, und von Poldi Nationale war wiederum nicht bekannt, dass er als Tunnelläufer seine Karriere begonnen hätte. Allerdings hatte der leicht regieren! Was war schon die Rote Armee gegen die Internetgeneration! Wenn der Poldi mit den linkslinken Alt-Achtundsechzigern zu tun gehabt hätte, statt mit Wapplern wie Stalin und Chruschtschow. Urrrääähhh! Der Kanzler leckte die zusammengepressten Lippen, straffte sich zu epochaler Statur und verkündete ---- den Wiederaufbau!

Und was tat das unsensible Volk? Es erstarrte nicht in hehrem Schauder, es vergoss keine Tränen der Rührung, es seufzte nicht nostalgisch, es warf sich nicht schutzsuchend in seine ausgebreiteten Arme – dieses Querulantenpack, bar jeden Gefühls für die historische Größe der Stunde und ihres Künders, bezweifelte die Eignung der Jagdbomber zur Hochwasserbekämpfung, verlangte Kohle statt Kampfflieger und hätte es ihm zugehört, es hätte glatt noch "Wiederaufbau statt Wiederaufrüstung" gebrüllt. Nicht einmal Figl-Fischerei fiel jemandem ein. Sie waren seiner nicht würdig! Und der Kanzler bestieg das Boot und setzte über nach Avalon.

In den nächsten Tagen verkündete die on-dit Regierung den unveränderten Beschluss zum Ankauf der Flieger, dessen Überdenkung, die Reduktion auf 18 Stück und die Prüfung anderer Angebote, die Beibehaltung der Steuerreform, die Verschiebung der Steuerreform, die Einsparung der Steuerreform, die Beibehaltung des Nulldefizits, die Neuinterpretation des Nulldefizits, dessen Korrektur um eine Kommastelle, ein Volksbegehren, eine Volksbefragung und eine Volksabschaffung, Jörgls Rückkehr, Jörgls Rücktritt, Jörgls tagesaktuelle Blähungen, einen ordentlichen Parteitag, einen außerordentlichen Parteitag und einen abgesagten Parteitag, die Treue zur Koalition, die Treue zum Wähler, die Treue zum kleinen Mann, die Notwendigkeit der Neutralität, die Notwendigkeit der NATO, die Notwendigkeit einer Euro-Armee in der NATO, ohne die NATO und gegen die NATO, die Anschaffung von Hubschraubern, Kampfanzügen und Kampfpanzern, die Einsparung der Pensionisten, der Entwicklungshilfe und der Beamten, Briefe an Brüssel und Briefe ans Christkind...
Und während sich all dies begab, sandte das einfache Parteimitglied einen alternder Kämpfer aus. Dieser überzeugte die Kleinen Männer, dass die Schlachtung des unbefleckten Lammes zur Besänftigung der beleidigten Gottheit erforderlich war. Schnuffel besann sich der Freiheit, die er meint, und verkündete ihre Sehnsucht, die Zukunft der Partei biologisch zu sichern. Der Kanzler stärkte ihr mit einem Messer den Rücken. Die glückliche Effen-Betriebsfamilie demonstrierte, dass ihre Ehre Treue heißt. Am nächsten Tag wurden in den führenden Medien des Landes Live-Ticker eingerichtet, um die Rücktritte redaktionell zu bewältigen. Edith Klingers "Wer will mich?" wurde im Hauptabendprogramm revitalisiert: "Lämmer-fressender Dobermann sucht fromme Herde", "Zahnlose Kobra entlaufen, hört auf Jörg", "Bezauberter Braunbär und gezähmter Wolf, aneinander gewöhnt, werden umständehalber nur gemeinsam abgegeben", "Rudel, braun gefleckt, nicht ganz stubenrein, sucht nettes Herrl". Der Karawanken-Kämpfer installierte den Bundes-Tierarzt als Masseverwalter, was angesichts der ausgebrochenen Tollwut nicht unvernünftig schien. Die Volkspartei bestärkte den allgemeinen Verdacht ihrer latenten BSE-Krise und verkündete die Notwendigkeit der Luftwaffe, Wolfis Verdienste um deren Verhinderung, die Privatisierung des Heeres, die Suche nach einem Sponsor, den Erfolg der Wende und die Kindesweglegung ihrer Väter, die Regierungsunfähigkeit der ganzen und die Handlungsunfähigkeit der halben Regierung, die Zähmung der FPÖ, die Entzauberung der FPÖ, die Unmöglichkeit mit der FPÖ zu regieren und den Wunsch, es auch weiterhin zu tun....

Wie bitte? Aber nein, Marihuana wurde nicht legalisiert, wie kommen Sie bloß darauf? Schließlich haben wir doch kein rot-grünes Chaos! ×