"Eine fortschrittliche Familienpolitik..."
"...muss Familien unterstützen und sie nicht mit einer Vielzahl von
Gesetzen reglementieren" meint Renate Schmidt, Autorin von "S.O.S.
Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus" (Rowohlt, Berlin 2002, ISBN 3871344443).
Renate Schmidt ist SPD-Familienpolitikerin, Mutter, Großmutter, Ehefrau,
sie war Alleinerzieherin und Teil einer "Stieffamilie".
"Der Versuch, Bevölkerungspolitik zu betreiben, also materielle Anreize
zu schaffen, damit mehr Kinder (auch mehr als von den Familien gewünscht)
geboren werden, statt Familienpolitik, die darauf abzielt, daß sich Menschen
vorhandene Kinderwünsche erfüllen können, muß erfolglos
bleiben" (soviel zum "Kindergeld"!) stellte Schmidt schon 2001
fest und verweist in ihrem lebhaft und sehr persönlich gehaltenen Buch
folgerichtig auf Länder, "einschließlich Japan, die eine faschistische
Vergangenheit haben, die heute die Vereinbarkeit von Familie und Beruf am wenigsten
konsequent unterstützen und immer wieder mit familialistischen Modellen
kokettieren: Deutschland, Österreich, Spanien, Italien, Japan." Allesamt
Länder mit niedrigem Bevölkerungswachstum.
In ihrer Suche nach fortschrittlicher Familienpolitik verlässt die Autorin
alte eingefahrene Wege, die gemeinhin der Linken bzw. Rechten zuordnet werden.
Die einen sehen in der Familie, so Schmidt, oft einen Ort, wo viel Schlimmes
passiert und Menschen an Entfaltung und Emanzipation gehindert werden; die anderen
beschwören die "heile Familie", vernachlässigen dabei aber
neue Realitäten, insbesondere Entfaltungswünsche junger Frauen. Schmidt
fordert deshalb die "Ausbildung junger Männer", damit sie ihre
Vaterrolle annehmen (können), flächendeckende Versorgung mit Kindergartenplätzen
(auf die in Deutschland Rechtsanspruch besteht!) als Bildungsstätten und
NICHT als Betreuungsorte und ausreichend Schulplätze, die "herkömmlichen"
Familien Wahlfreiheit zwischen doppeltem bzw. einfachem Berufsleben lassen und
AlleinerzieherInnen besonders berücksichtigen. Sie geht auf positive Erfahrungen
mit der "gemeinsamen Obsorge" ein, befasst sich mit Minderheiten (AusländerInnen,
Eltern mit behinderten Kindern) und widmet sich intensiv AlleinerzieherInnen...
Zwar sind deutsche Verhältnisse nicht linear auf Österreich übertragbar,
aber so unähnlich sind die beiden Länder nicht. Und auch hierzulande
brechen sich Familienwünsche oft an neuen Realitäten und alten Verhaltensmustern.
Das Buch selbst gibt der/dem politikwissenschaftlich interessierten LeserIn
darüberhinaus einen lehrreichen Einblick in das Zusammenwachsen (?) der
ost- und westdeutschen Sozial- und Familienpolitik. Lesenswert!